Feierabend, Joint, entspannter?
Stress gehört für viele Menschen zum Alltag. Arbeit, Termine, Nachrichten, Smartphone – manchmal läuft der Kopf auch dann noch weiter, wenn der Tag eigentlich längst vorbei ist.
Cannabis wird von manchen Konsumenten genau in solchen Situationen genutzt: zum Abschalten, Runterkommen oder um gedanklich etwas Abstand vom Alltag zu gewinnen.
Dass sich Menschen nach dem Konsum entspannter fühlen können, ist dabei durchaus nachvollziehbar. Interessanter ist jedoch eine andere Frage:
Wird der Körper tatsächlich weniger gestresst – oder fühlt es sich nur so an?
Neuere Forschung zeigt, dass zwischen diesen beiden Dingen ein erstaunlich großer Unterschied bestehen kann.
Unser Stress lässt sich nicht mit einem einzigen Wert messen
Wenn wir sagen „Ich bin gestresst“, beschreiben wir zunächst ein Gefühl. Stress spielt sich jedoch gleichzeitig auf mehreren Ebenen ab.
Der Körper kann beispielsweise Stresshormone ausschütten, der Puls kann steigen und das Nervensystem reagiert auf die Situation. Gleichzeitig bewertet unser Gehirn, ob wir eine Situation überhaupt als belastend empfinden.
Genau deshalb ist die Wirkung von Cannabis auf Stress so schwierig zu beurteilen.
In einer aktuellen Untersuchung mit regelmäßigen Cannabis-Konsumenten zeigte sich beispielsweise, dass THC einzelne körperliche Stressmarker verändern kann. Unter anderem wurden Veränderungen beim Cortisol beobachtet. Gleichzeitig erhöhte THC jedoch die Herzfrequenz.
Das ergibt kein einfaches Bild von „Cannabis schaltet Stress aus“.
Der Kopf sagt entspannt – der Körper nicht unbedingt
Besonders spannend ist die subjektive Wahrnehmung.
Viele Konsumenten beschreiben Cannabis als entspannend. Das Gefühl kann durchaus real sein: Gedanken treten vielleicht in den Hintergrund, die Wahrnehmung verändert sich und der Alltag fühlt sich für einen Moment weiter entfernt an.
Doch ein entspannteres Gefühl bedeutet nicht automatisch, dass sämtliche körperlichen Stressreaktionen ebenfalls zurückgehen.
Genau diese Trennung zwischen gefühlter Entspannung und körperlicher Reaktion macht die aktuelle Forschung interessant.
Der Körper besitzt eben keinen simplen Stress-Regler, den THC von „hoch“ auf „niedrig“ stellt.
Warum Cannabis bei manchen sogar das Gegenteil bewirkt
Hinzu kommt ein bekanntes Paradox: Während sich eine Person nach Cannabis entspannt auf das Sofa legt, wird eine andere plötzlich nervös.
Gedanken kreisen stärker, das Herz schlägt schneller oder eine eigentlich harmlose Situation fühlt sich unangenehm intensiv an.
Gerade THC kann abhängig von Dosis und Person auch Angst und Unruhe verstärken. Wissenschaftliche Übersichtsarbeiten zeigen, dass höhere THC-Dosen häufiger mit angstfördernden Effekten in Verbindung gebracht werden.
Die Wirkung hängt außerdem nicht nur vom THC-Gehalt ab. Konsumerfahrung, Stimmung, Umgebung und individuelle Empfindlichkeit können ebenfalls eine Rolle spielen.
Deshalb gibt es wahrscheinlich auch nicht die eine entspannende Cannabis-Sorte, die bei jedem Menschen gleich funktioniert.
Und CBD?
CBD besitzt ein völlig anderes Wirkprofil als THC und wird häufig mit Ruhe und Entspannung beworben.
Es gibt tatsächlich Forschung zu möglichen angstlösenden Eigenschaften von CBD. Gleichzeitig ist die Studienlage noch nicht stark genug, um daraus die einfache Aussage „CBD hilft gegen Stress“ abzuleiten.
Untersuchungen unterscheiden sich teilweise deutlich hinsichtlich Dosierung, Einnahmeform und Teilnehmergruppen. Auch langfristige Effekte sind bislang nicht ausreichend geklärt.
Zwischen einem möglichen medizinischen Effekt bestimmter CBD-Dosierungen und einem frei verkäuflichen Lifestyle-Produkt besteht daher ein wichtiger Unterschied.
Wenn aus Entspannung eine Gewohnheit wird
Ein weiterer Punkt ist entscheidend: gelegentliches Abschalten und dauerhafte Stressbewältigung sind nicht dasselbe.
Wer Cannabis ausschließlich mit dem Gedanken verbindet, nach jedem schwierigen Tag „runterkommen zu müssen“, entwickelt möglicherweise ein festes Konsummuster.
Das eigentliche Problem – beispielsweise Überforderung, Schlafmangel oder dauerhafter beruflicher Stress – verschwindet dadurch nicht automatisch.
Gerade deshalb sollte zwischen kurzfristig empfundener Entspannung und einer tatsächlichen Behandlung von chronischem Stress oder Angst unterschieden werden.
Für Letzteres ist Cannabis kein pauschal belegtes Mittel.
Das Ritual könnte ebenfalls eine Rolle spielen
Interessant ist außerdem, dass Entspannung nicht ausschließlich durch einen Wirkstoff entstehen muss.
Schon ein festes Feierabendritual kann unserem Gehirn signalisieren: Der Arbeitstag ist vorbei.
Für manche ist das Sport. Für andere eine heiße Dusche, Musik, Kochen oder ein Spaziergang. Und für manche gehört eben auch Cannabis zu einem solchen Ritual.
In Untersuchungen zu Cannabis und Stress zeigen teilweise auch Placebo-Gruppen Veränderungen bei der subjektiv empfundenen Anspannung. Das deutet darauf hin, dass Erwartung und Situation ebenfalls einen Einfluss haben können.
Der vermeintliche „Entspannungseffekt“ könnte also aus mehreren Komponenten bestehen.
Cannabis und Stress: Die Antwort bleibt kompliziert
Die einfache Aussage „Cannabis hilft gegen Stress“ greift deshalb zu kurz.
Cannabis kann dazu führen, dass sich Menschen kurzfristig entspannter fühlen. THC kann gleichzeitig bestimmte körperliche Stressmarker senken und andere erhöhen. Bei manchen Konsumenten entsteht Ruhe, bei anderen Unruhe oder sogar Angst.
Und genau darin liegt vielleicht die spannendste Erkenntnis:
Sich weniger gestresst zu fühlen und körperlich weniger Stress zu haben, sind nicht zwangsläufig dasselbe.
Die Forschung versucht derzeit besser zu verstehen, wie diese beiden Ebenen zusammenhängen. Bis daraus eindeutige Antworten entstehen, bleibt Cannabis vor allem eines: eine Substanz, deren Wirkung auf Stress wesentlich individueller und komplexer ist, als es das klassische Bild vom entspannten Joint am Feierabend vermuten lässt.